Die Komplexität des Gehirns

22. November 2017

Vielleicht meinen einige ich würde mich als nicht wissender Arzt oder Psychologe zu weit aus dem Fenster lehnen, wenn ich diesen Thema aufgreife. Menschen, die mich allerdings sehr gut kennen, die ich mit in meine Gedanken- und Gefühlswelt nehme sagen, ich darf das.

Denn wir alle werden als ein Individuum geboren, niemand ist so wie wir selbst auf dieser Welt, es gibt uns kein zweites Mal. Natürlich trifft man immer mal wieder wen, mit dem man vom Äußerlichen verglichen wird, auch haben wir mal das Glück wen zu treffen, der uns vom Inneren sehr ähnelt aber dennoch, finden wir nie exakt dieselbe Person, ein zweites Mal.

Der wichtigste Punkt für mich in diesem Thema ist die Kindheit und alles was sie ausmacht. Was wir gefühlt und gesehen haben. Dinge, die wir mit unseren kleinen Köpfen nicht verarbeiten, nicht verstehen konnten. Dinge, vor denen uns keiner schützen konnte, denen wir quasi ausgeliefert worden waren. Ganz wichtige Rolle hier : Unsere Eltern. Aber dazu später mehr.

Wie viele Menschen kennst du, hast du in deinem bisherigen Leben schon kennen gelernt und dir im negativen gedacht „Der hat doch `nen Knall?“. Oft, oder?

Jeder hat diesen Knall, „normale“ Menschen gibt es nicht, denn jeder hat Dinge erlebt und gesehen, die viel tiefer gehen als du es je wissen wirst. Oder aber du wirst es eines Tages von dieser Person erfahren, jedoch ist das selten. Warum?

Weil Erwachsene selten wissen, warum sie so sind, warum sie so fühlen und warum sie sich so verhalten in vielen bestimmten Situationen.

Ein kleines Beispiel : Du triffst einen Mann, der gewalttätig ist. Vermutlich waren es damals auch seine Eltern. Ein Mädchen, was mit allen Männern schlafen muss. Vermutlich hat sie in ihrer Kindheit nicht die nötige Aufmerksamkeit bekommen und holt sie sich jetzt im Unterbewusstsein von ihrer Außenwelt. Es sind alles Vermutungen, ich möchte nicht alle über einen Kamm scheren.

Dennoch haben die meisten psychischen Probleme eines Erwachsenen mit seiner Kindheit, mit dem Mangel an Schutz, Liebe und Enttäuschungen zu tun.

Kennst du diese Momente, diese Schlüsselmomente aus deiner damaligen Zeit? Unschöne Dinge die du hast fühlen müssen, die sich wie ein nicht stopfendes Loch in dein Herz gefressen haben. An die Situation, an die du dich auch 20 Jahre später noch genau erinnern kannst. Du weißt, egal wie lange es her ist, wie du dich gefühlt hast. Und jetzt stell dir vor, dass dein Unterbewusstsein komplett voll ist mit diesen kleinen, schwarzen Löchern.

Seitdem du klein bist, arbeitet dein Gehirn mit all den Empfindungen und Erinnerungen die du erlebt hast und ruft sie später immer und immer wieder ab. Sie werden nie vergessen. Vergessen, in diesem Universum deines Gehirns, was so unglaublich komplex ist, dass manche Menschen nie dahinter schauen können.

Ich kenne viele Menschen die sich noch im hohen Alter fühlen wie Gott, die sich nicht verletzlich zeigen können, egoistisch sind oder aggressiv. Sie wissen es einfach nicht besser. Sie fühlen sich im Recht mit allem was sie sagen oder wahrnehmen.

Wie soll man auch in sein Verhalten einsteigen, in sein Gehirn, was all seine Türen sooft geschlossen hält. Wie oft denkt man sich, man würde sich selbst, seinen Gegenüber nicht verstehen, der dasselbe auch von sich denkt. Wie kommt man dahinter?

Es soll jetzt keine Schatzkarte hier sein um das Labyrinth seines Hirnes zu bewältigen, ich möchte nur auf etwas aufmerksam machen : Wir Menschen, wir sind nicht schwarz oder weiss. Wir sind bunt. Bunt, mit zig Strängen, die in jede so mögliche Richtung verlaufen.

Haben wir uns von unseren Eltern nicht geliebt gefühlt, entwickeln wir schon als kleine Kinder Verhaltens- und Anpassungsstörungen, Anomalien, später Persönlichkeitsstörungen. Ich weiß wovon ich spreche, denn all das, findet man in meinen Krankenhausakten. Nicht therapierbar, nicht aufnahmebereit, denn kein Weg führte durch mein Gehirn wo Fragen warteten, um beantwortet zu werden.

Der Ursprung findet also bei unseren Eltern statt, wobei ich mich von der Aussage distanziere, dass alle Kinder die keine Liebe erfahren durften, diese später auch nicht an ihre Kinder weiter geben können. Dieser Fall kommt zwar oft vor, ist aber nicht die Norm.

Viel mehr fangen diese Menschen an, die Schuld bei sich zu suchen. Werden sie verstoßen, haben sie das Gefühl ihren Eltern nicht gerecht werden zu können, füllen und fühlen sie sich als jemanden, der sie nie hätten sein müssen, aber das wissen sie nicht.

Man fängt an, gegen sich selbst zu arbeiten. Man wird aggressiv, depressiv, entwickelt Angststörungen oder rutscht in diverse Essstörungen rein.

Viele nehmen sich das Leben, weil sie sich selbst nicht ertragen können. Die Gefühle von denen sie denken es kann sie niemand verstehen oder gar ernst nehmen.

Wie kommt oder besser gesagt, kam ich aus diesem Ganzen raus? Denn jetzt, kann ich nur von mir sprechen.

Über 20 Jahre später, seit meinem ersten Schlüsselmoment der mich hat fühlen lassen wie ein Niemand, den Niemand haben wollte, legte ich alles offen. Ich legte alles offen, was auch negative Dinge in meinem Verhalten widerspiegelten. Ich bin nicht perfekt, ich habe Menschen die mich lieben verletzt, sie fallen gelassen und bin abgehauen. Warum? Weil ich nie wieder das Gefühl haben wollte, derjenige zu sein, der verlassen und verletzt wurde, wie als ich klein war. Ich kann bis heute schwer emotionale Dinge verarbeiten. Ich sehe aber zumindest alles klar, was ich jahrelangen Therapien und Selbstreflexion zu verdanken habe. Worauf ich hinaus will : Ich sehe meine Fehler, ich bin nicht unantastbar. Ich kann meine Arroganz hinten anstellen und offen und ehrlich sagen, dass ich grad einen Fehler mache oder gemacht habe. Mittlerweile kann ich mich hinstellen und sagen : DAS war nicht ok von mir.

Also, ich hinterfrage meine Fehler. Fehler, die ich anderen gegenüber und mir angetan habe. Ich musste lernen Dinge, emotionale Dinge, auszuhalten, sie anzusprechen. Normalerweise habe ich Emotionales nicht verdauen können, bin lieber weg gelaufen als mich ihnen zu stellen. Weil sie mich angreifbar, verletzlich und klein gezeigt haben.

Aber was passiert, wenn man sich diesen Fehlern stellt, wenn man sich eingesteht, dass das nur der absolute richtige Weg ist um nach und nach mit sich selbst ins Reine zu kommen?

Weil man jetzt verstanden hat, dass man das als Kind nicht konnte. Man dazu nicht in der Lage war und sich das selbst nie zu Vorwurf machen darf. Es ist doch gar nicht möglich!

Und plötzlich fühlt man sich befreit. Man fühlt sich nur am Anfang schlecht, wie bei einer Achterbahnfahrt aber auch diese, ist irgendwann vorbei. Irgendwann möchte man nämlich  aussteigen und ohne diese Unruhe die einen immer schon begleitet hat, weiter leben.

Man tut nicht nur sich einen Gefallen, sondern auch seinen Mitmenschen. Die, die sich selbst so oft nicht verstehen aber man selbst, man versteht sich endlich. Und das wünsche ich wirklich jedem, denn das ist mehr wert, als alles Geld dieser Welt.

2 Comments

  • Reply Riri 17. Februar 2018 at 23:08

    Wahnsinn! Du sprichst mir aus der Seele… auch ich habe viel durchmachen müssen und habe erst durch Esstörung & Co gehen müssen … erst eine Therapie hat mir geholfen zu verstehen, dass nicht „ich“ falsch bin, sondern das Erlebte für eine Kinderseele falsch und viel zu viel war! Deshalb überschütte ich meinen Sohn mit so viel Liebe, Vertrauen, Hoffnung und „du bist gut wie du bist, wundervoll“, wie ich nur kann! Weil jedes Kind es verdient hat, unbefangen, frei, glücklich und unbeschwert erwachsen zu werden <3 Danke, für diesen tollen Text und dafür, wie du deine Kleine erziehst – voller Liebe! Drücke dich dafür! Schicke dir gang viel Liebe! Riri

    • Reply jill 12. April 2018 at 21:59

      Fühl dich ganz ganz fest umarmt von mir!!

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