Wie sich Alleinerziehend anfühlen kann – Mein Blickwinkel

23. August 2018

Es war nie mein Wunsch mein Kind alleine in diese Welt auszutragen. Als erstes : Dir bleibt als Frau gar keine andere Wahl.

Nicht nur, dass wir selbst schon in den ersten Monaten, wo sich das Baby im Bauch befindet, bestimmen dürfen, was es zu essen und zu trinken bekommt, wir schleppen auch diesen dicken, dicken Bauch mit uns herum (was wir natürlich die meiste Zeit genießen), wir bekommen Sodbrennen und werden hypersensibel, denn es ist nicht selten zu lesen, dass Schwangere selbst bei Tiervideos anfangen zu weinen (was ich bis heute noch mache). Und noch so kleine Wehwehchen, die Hand in Hand gehen mit den Glücksgefühlen, dieses Glück spüren zu dürfen, bewegt es sich eben auch schon im Mutterleib und man darf immer die Erste sein, die es wahrnehmen darf. Man fängt also von der ersten Sekunde, bevor man dieses einem noch unbekannte Wesen kennen gelernt hat, zu lieben an. Und wie! Und dann kommt dieses Bild der heilen Familie in deinen Kopf.

Mutter, Vater, Kind. Haus, Garten, nen Hund oder Katzen (oder beides..oder gar nichts.) Gemeinsame Sonntag, die glücklich und friedlich Mittags beim Italiener starten, wo man sich Spaghetti bestellt, die Kinder und der Papa essen Pizza und man redet fröhlich, wie schön das gemeinsame Wochenende doch war und wie sehr sich alle freuen, heute den Tag mal etwas entspannter angehen zu lassen, denn morgen ist ja wieder Montag, da muss der Papa das Kind zum Kindergarten bringen, Mama muss ja früh raus.

 

Und jetzt stell dir die Realität vor, die du dir so vielleicht nicht vorgestellt hast, denn du und dein Baby, ihr seid plötzlich alleine am Sonntag. Ihr sitzt nicht beim Italiener und am Montag muss die Oma kommen, um das Kind wegzubringen, bis du sie wieder komplett fertig am Nachmittag abholen kannst. Zuhause angekommen sieht die Wohnung immer noch genauso aus, wie ihr sie verlassen habt weil, es wohnt ja auch kein anderer mit euch dort. Keiner der dir Zuhause hilft, diese verdammte Wäsche endlich zu falten, das Essen brennt an, weil sich dein Schatz plötzlich im Nebenzimmer weh getan hat und du alles stehen und liegen lässt, weil sonst niemand da ist. Aber auch niemand, der den Topf vom Herd nimmt.

Die schlaflosen Nächte mit einem Baby oder Kleinkind sind kräftezerrend, aber kein anderer steht auf. Die Klamotten kosten Geld, ständig wächst es raus und du bekommst Angst, deinem Kind nichts richtiges bieten zu können, zu wenig Zeit mit ihm zu verbringen, weil du dich ständig so gestresst fühlst und und und. Ich könnte die Liste ewig weiterführen.

Ich war ebenfalls an diesem Punkt, war dazu noch schwer krank, was meine Psyche anging. In die Psychiatrie wollten sie mich stecken, mit einem Kleinkind. Inkassounternehmen die monatlich ihr Geld haben wollten, weil deine Not und Verzweiflung dich ständig dazu veranlassten, Geld zurück zu ziehen. Ein Teufelskreis. Ein Kind was nicht durchschlafen wollte, was ständig nach dir verlangt hat und ich musste dennoch funktionieren. War das Kind mal bei seinem Papa, was immer schon sehr unregelmäßig verlief aufgrund seiner Arbeit, konnte ich mal durch schnaufen und dennoch, habe ich sie jede Sekunde vermisst. Das ist menschlich, beides.

Doch irgendwann machte das Ganze in mir eine Kehrwendung. Ich fühlte mich nach einigen Monaten mit diesem Baby, was ein Kleinkind und nächste Woche ein Schulkind ist, stark. Verdammt stark. Was hatte ich die letzten Monate geschafft denke ich heute, die letzten Jahre.

Unsere Sonntage waren nämlich auch schön, weil ICH sie uns schön gemacht hatte und waren sie für mich schön, glaubt mir, waren sie es auch für mein Kind. Ja, ich hatte verdammt wenig Geld und war krank (machte aber fleißig in meiner ambulanten Therapie mit), aber ich verbrachte die Zeit auf dem Spielplatz, war Eis essen in jeder Eisdiele mit ihr und macht mich im Winter zum Affen, um bloß den größtmöglichen Schneemann zu bauen, nur um ihre Augen um die Wette strahlen zu sehen, mit diesem schönen weißen Schnee.

Ich backte mit ihr zusammen Kekse, in dem ersten Jahr war sie zwar nur für das Vernichten dieser zuständig und das bitte auch überall verteilt, aber in den nächsten Jahren, wurde sie mein kleiner Helfer.

Jeden Abend las ihr Bücher vor, bald liest sie mir selbst welche vor. Spazieren sind wir gegangen, als sie ihre ersten Schritte lief, heute, da muss ich aufpassen hinterher zu kommen, weil sie so schnell läuft wie der Blitz.

Damals, da machte sie nur Matsch mit dem Essen am Esstisch, paar Jahre später, immer noch allein, erzählt sie mir freudestrahlend, wie süß der neue Nachbarshund denn wäre und das sie später ein riesen Haus kaufen wird, wo all ihre Hunde drin leben werden. Nebenbei rechnet sie im Kopf Matheaufgaben, gibt mir am Ende des Abends einen Kuss, sagt, wie sehr sie mich liebt und ich weiß wieder, was ich nie vergessen darf : Ihr geht es gut bei mir, auch, wenn sie allein ist mit mir.

Das ist nämlich der Punkt : Man muss nicht traurig sein, wenn das Konzept einer heilen Familie nicht dem Ursprung aus dem Kopf entstanden ist, ja vielleicht hat der Vater sich sogar komplett aus dem Staub gemacht (die größten Luschen ever) und er wird nie nie sehen, was für ein tolles Kind er doch hat (selbst Schuld!). Man kann sich die Welt mit seinem Kind so schön gestalten, wie es eben möglich ist, ja wo sogar kein großes Geld fließt.

Nicht die Kraft sich nehmen lassen, weil man so gestresst ist und das Gefühl hat, nicht für sein Kind richtig da sein zu können, sondern die Kraft eher aus seinem Kind ziehen. Die Augen die einen anstrahlen, als wäre man das Schönste auf dieser Erde, kleine Finger die an den Haaren ziehen oder sanft über deine Wange streicheln. Das sind diese kleinen Momente, wo ich immer die Kraft genommen habe UND das ich gesehen habe : Mein Kind ist glücklich mit mir!

Bis heute noch.

Alles ist möglich, auch wenn einem natürlich mal die Decke auf den Kopf fallen darf, aber wir haben alle das Geschenk bekommen, überhaupt Kinder bekommen zu dürfen und egal wie weit der Liebeskummer noch ist, wie schlecht die finanzielle Lage ist, die Augenringe bis zum Boden reichen, die Haare langsam weiß werden..schaut einmal in das Gesicht eures Kindes und seht wie glücklich es ist, weil es EUCH hat. Ihr seid das Wichtigste, Wertvollste und Schönste was dieses Wesen kennt und das Wichtigste : Ihr genügt diesem Wesen völlig. Es ist glücklich, auch glücklich mit euch allein.

10 Comments

  • Reply Madelaine 24. August 2018 at 5:35

    Liebe Jill,
    Deine Worte haben mir gezeigt, dass ich mit meinen Gedanken nicht alleine bin und ich auch nicht alleine bin. Es ist natürlich echt schade, aber die strahlenden Augen meiner Tochter, dass lachen oder abends wenn ich sie ins Bett gebracht habe, bevor die Tür zu geht ihr: „ich liebe dich“.
    An solchen Tagen merke ich einfach auch, dass ich so wie ich es mache, richtig ist und am wichtigsten: meinem Kind geht es so gut 💕
    Also: Danke noch einmal für den Einblick in die erste Zeit mit Mia und dafür, dass du einfach das aus“gesprochen“ hast, wie sich die meisten Alleinerziehenden Mama fühlen.

  • Reply Tanja 24. August 2018 at 6:53

    Vielen lieben Dank libe Jill für diesen tollen Blogbericht. Ich bin seit 12! Jahren alleinerziehend und die Tiefen dessen brauche ich dir nicht zu schreiben. Psyche, Geld, etc ja all das kenne ich. Für meine Kids werde ich zur Löwin…auch wenn es das letzte wäre was ich täte. 6

  • Reply Sweta 24. August 2018 at 7:18

    sehr schoen geschrieben! Danke Dir dafuer! ganz liebe Gruesse

  • Reply Susann 24. August 2018 at 8:03

    Danke für den sehr tollen und echten Text. Deine Gefühle spiegeön mich gerade Perfekt. Mein Mann hat und vor 5 Wochen verlassen, dazu weiß ich seit 3 Wochen, das meine Tochter Todkrank ist. Ich kann ihr keine „intakte“ Bilderbuchfamilie bieten. Aber meine volle Liebe und Aufmerksamkeit. Auch ohne Papa, denn ein Vater ist nichz der Erzeuger sondern der Mann der für das Kind da ist.
    Danke das du mir die Kraft gibst nicht aufzugeben.

  • Reply Lidia 24. August 2018 at 8:27

    Ach da kommen einem die Tränen bei diesem wundervollen Text! Genau so ist es. Ich bin auch jeden Tag froh schon ein Kind zu haben. Auch wenn alleine, aber nun bin ich ja eigentlich nie mehr alleine. Mein Leben lang! Für eine Frau ist nichts erfüllender als Mutter zu sein. Ihr macht das wundervoll und durch deine Texte verhilfst du bestimmt sehr vielen alleinerziehenden Müttern zu neuer Kraft. Vielen Dank dafür <3

  • Reply Anika 24. August 2018 at 10:50

    Sehr schön und ehrlich geschrieben 😍

  • Reply Jana 24. August 2018 at 15:03

    ich bin ein rießen Jill&Mia Fan. Ich hoffe irgendwann mal eine so tolle Mama zu sein wie Du.

  • Reply Alex 24. August 2018 at 15:27

    vielen Dank für diese Zeilen – ich bin gerade kräftig am Weinen.

  • Reply Steffi 24. September 2018 at 23:26

    Vielen Dank für diese ehrlichen Worte. Genauso fühlt es sich an – nichts auf der Welt ist schöner als ein glückliches Kind. Und wenn ich den Verlust der heilen Welt und der heilen Familie kurz zur Seite lege, dann gehöre ich zu den reichsten Menschen der Welt. Denn was wahre Liebe ist, weiß ich erst seitdem ich meinem Sohn das erste Mal in Armen halten durfte. Alles Liebe, Steffi

  • Reply Cindy 20. Oktober 2019 at 12:58

    Vielen lieben Dank für die Worte. Ich bin auch Alleinerziehende und meine Tochter ist noch ziemlich klein. Kann es nach voll ziehen, da es mir manchmal so geht.

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