Verliebt in die Liebe

11. Juli 2019

“Ich liebe ihn.” seufzte ich mit 11 Jahren, sitzend auf dem Fensterbrett meiner damaligen Schule, an einem Herbsttag, wo ich verstohlen aus dem Fenster direkt auf den Schulhof schaute und ihn sah. Ich weiß noch genau, wie kalt es an diesem Tag war, die Blätter färbten sich langsam braun und ich konnte an nichts anderes denken, als an ihn. Sein blondes wuscheliges Haar, was anscheinend nie eine Bürste zu Gesicht bekam, genauso wie seine Stirn, die eindeutig zu lang war. Er spielte gerne Fußball, hatte viele Freunde und war polnischer Abstammung. Aber geredet, dass hatten wir bis dato noch nie miteinander. Kein einziges Wort, weil ich auch der Inbegriff von Schüchternheit war. Meine verstohlenen Blicke, ich weiß nie, ob er sie wahrgenommen hat. Ob er mich überhaupt mal beachtet hat? Ich war eher unscheinbar, trug keine auffällige Klamotten und sah in meinen Augen auch alles andere als cool aus.

Aber ich war der festen Überzeugung, dass ich ihn liebe und nie wieder für wen anders sowas empfinden würde. Meine Schulhefte waren sich übrigens auch alle sehr sicher, denn nichts verzierte mehr meine Blätter, als sein Name. Und hässliche, krumme Herzen. Malen konnte ich nämlich leider noch nie. Aber lieben, da war ich mir sehr sicher, dass konnte ich. Darin war ich spitze.

Die Tage, Wochen und Monate vergingen. Meine Gefühle blieben bestehen, bis ich eines Tages tatsächlich mit ihm geredet hatte und mit allem gerechnet hatte, aber nicht mit dem, was dann passierte : Ich fand ihn doof.

Meine Schulhefte waren ziemlich sauer auf mich, sowie meine leeren Stifte, aber vor allem mein Herz hat sich betrogen gefühlt. “Ich dachte du liebst ihn?? Wie kannst du ihn denn dann doof finden?” schimpfte es mit mir. Ich war erschüttert, verstand meine Welt nicht mehr und verstand selbst da noch nicht das, was es eigentlich war. Dafür brauchte ich knapp zwei Jahrzehnte mehr Zeit, so verstrickt war mein Denken, was die Liebe zu einem Mann betraf.

Und so zog es sich. Wie ein rosa Faden, der sich immer wieder verlor.

Ich wurde älter, verknallte mich immer mal wieder, kam mit nem Typen zusammen (bis dahin war ich nicht mehr so schüchtern und machte schnell Nägel mit Köpfen) und sobald ein paar Wochen vorbei waren, war es auch mit der Liebe vorbei. Ich konnte quasi die Zeit danach stellen! 2 Monate war dann meist die Lebenszeit und schnell verschwand ich wieder. Schluss gemacht hatte tatsächlich erst einer mit mir, aber viel später, wegen einem massiven Grund, ansonsten keiner, denn soviel Zeit gab es dafür anscheinend gar nicht. Und nein, tatsächlich schlief ich auch nie mit diesen Männer, denn ich war ein absoluter Spätzünder.

Ob ich damit glücklich wurde, mit diesem ständigen “schnell trennen wollen”? Wohl kaum. Auch andere Gründe gab es, wie mir später erst in meiner Therapie bewusst wurde, denn ich hatte anscheinend mein Leben lang Angst verlassen zu werden, da mir das in meiner Kindheit immer wieder passiert war. Eltern und andere Bezugspersonen mit denen man eine Beziehung hegt, spielen die wichtigste Rolle im Leben eines Kindes.

Was brauchen wir also von diesen Personen ? Konstante Liebe, Sicherheit, Wärme.

Was machen wir, wenn diese uns nicht geschenkt wurde?

Die Folgen zeigen sich bei vielen (natürlich nicht bei allen) später in Beziehungs- und Bindungsproblemen. Hat unser Unterbewusstsein in genau dieser wichtigen frühkindlichen Zeit diese negativen Gefühle nämlich gespeichert und weiß damit später nicht anders umzugehen. Entweder man krallt sich an Menschen, die einem vielleicht nicht mal gut tun, aber wir können uns nicht von ihnen trennen, sind lieber mit ihnen, statt alleine zu sein.

Oder eben, wie in meinem Fall, führte ich das Schema weiter, trennte mich, bevor der andere sich hätte trennen können. Denn das interessanteste ist eigentlich, wie das unglaubliche Verliebtheitsgefühl am Anfang so verdammt stark sein konnte und plötzlich, als hätte sich ein Schalter umgelegt, verschwanden all die Gefühle. So schnell und heftig wie sie aufkamen, waren sie auch schon wieder weg.

Aber alles nach und nach, denn ich machte weiter meine Erfahrungen.

Als ich mit dem Vater meines Kindes zusammen kam, lief es anders. Aber ich trennte mich in den ganzen Jahren mindestens 20 Mal. Anscheinend sollte nur dieses Kind entstehen. Denn diese Beziehung stellte sich damals als Gift für mich heraus, mit der ich auch nie hätte langfristig glücklich werden können. Er allerdings auch nicht mit mir, weil ich damals anscheinend zu verrückt und viel zu depressiv war. Heute sind wir gute Freunde, viel zu schlau, um nochmals miteinander zusammen zu kommen. Wir verstehen uns als Menschen, mal mehr, mal weniger, aber wir kennen uns mittlerweile und das ist der Punkt, auf den ich hinaus will.

Den Menschen, den Mann, kennenzulernen, mit dem man eine Beziehung eingegangen ist und mit dem man eine Zukunft plant.

Diese Zeit gab mir mein Herz nie, auch nicht mein Kopf und noch weniger mein Unterbewusstsein.

Letztes Jahr, es war Winter, saß meine beste Freundin auf meinem Bett und meinte zu mir : “Du verliebst dich gar nicht in den Mann, sondern in die Liebe.”

Es kam mir eine Welle über meinen Körper, die ich kaum aushielt.

Hatte sie recht? Verliebe ich mich gar nicht in den Mann, sondern brauche ich nur das Gefühl, verliebt zu sein? Denn es war so klar plötzlich. All die Männer die ich in mein Leben ließ, ich kannte sie anfangs kaum, aber ich brauchte sie für eine gewisse Zeit, bis dieses Verliebtheitsgefühl aufhörte und die Angst aus dem Unterbewusstsein wieder anklopfte, dass ich schnell abhauen muss. Die Zeit war wieder abgelaufen. Mein Unterbewusstsein brauchte, ohne dass ich es wusste, diese “Liebe”, dieses starke Gefühl, was mir in meiner Kindheit und Jugend so schmerzlich fehlte und die ich mir damals auch nicht selbst geben konnte. Deswegen konnte ich auch nie lange alleine bleiben, hatte doch irgendwie immer was gefehlt. War das starke Gefühl verblasst, gab es für mein Inneres keinen Grund mehr bei diesem Menschen zu bleiben. Ich nutzte sie also unbewusst aus und das einzige was ich nur noch empfand, war Abscheu mir selbst gegenüber, weil man so nicht mit Menschen umgeht. Nur war mir das selbst vorher nie so bewusst. Ich lernte sie also gar nicht erst richtig kennen, wer sie wirklich waren, sondern nahm mir nur das Gefühl der Liebe, was sie mir schenkten und die war für mich immer groß! Jeder war anfangs meine große Liebe. Wie lächerlich das war, weiß ich heute auch.

Zeit ließ ich mir selten mit dem Mann an meiner Seite und je älter ich wurde, desto weniger. Denn kein Wunsch ist größer, als meine Familie zu erweitern, obwohl ich verdammt glücklich bin mit dem was ich habe. Aber zum Glück hatte ich Anfang des Jahres die Erfahrung gemacht, viel lieber allein mit mir sein zu wollen, als jemand der mich nicht wertschätzt oder wo ich wieder abhauen könnte, weil ich die Augen davor verschließe, wer dieser Mensch eigentlich ist, weil er vielleicht auch gar nicht zu mir passte.

Denn wann, wann kann man wirklich von LIEBE sprechen? Letztens, ich schauen gern bei den unterschiedlichsten Kommentaren von Menschen bei anderen Plattformen und Profilen nach und da war die Frage, ob man schon in den ersten Tagen einem Menschen “Ich liebe dich” sagen kann. Eine schrieb (mehrere eigentlich) “Klar, hab ich meinem Kerl schon nach 3 Tagen gesagt und jetzt sind schon 2 Monate zusammen.” Ich musste schlucken, wusste natürlich nicht, wie lange sie sich vorher schon kannten, aber einige, die der selben Meinung waren, kannten ihre Partner, Ex-Partner anscheinend noch nicht lange.

Aber wie, wie bitte, nach all meinen Erfahrungen, kann man so schnell von Liebe sprechen? Ich war auch wahnsinnig schnell damit, nach 3-4 Wochen kam es mir auch schnell über die Lippen, aber es war anscheinend immer aus dem Impuls meiner Wünsche und dem unglaublichen Gefühl, verliebt gewesen zu sein. Ich war immer sofort auf Wolke 7, völlig verschleiert und konnte nichts mehr objektiv betrachten. Ich sah keine Fehler, es war alles immer perfekt. Nicht, weil ich den Menschen an meiner Seite wirklich geliebt hatte, auch wenn ich davon fester Überzeugung war, sondern weil dieses Gefühl so dermaßen stark war, was mich irren ließ.

Heute weiß ich, ich kann einen Menschen WIRKLICH erst lieben, wenn ich ihn KENNE. Und wann mach ich das? Wenn ich ihn WIRKLICH kennengelernt habe, was in meinen Augen erst nach Monaten sein kann. Wenn man mehrere Monaten zusammen verbracht hat, wenn man immer mehr zeigt, wer man ist. Wie man in den verschiedensten Situationen zusammen miteinander umgeht, wenn das Gefühl der Verliebtheit langsam weniger wird, dann..dann bahnt sich doch erst die wirkliche Liebe zu einem Menschen an. Wenn ich all seine Fehler kenne, seine Macken und Marotten. Wenn ich merke, wie unordentlich er ist oder wie er aussieht, wenn er krank ist. Wenn er kaputt von der Arbeit kommt, mal schlechte Laune hat und ich dennoch nicht auf ihn verzichten möchte. Wenn ich ihn in seinen schlimmen Phasen genauso festhalten möchte, wie in seinen guten. Wenn das unperfekte für mich perfekt ist. Wenn die Schmetterlinge langsam weniger werden und man nicht mehr so extrem aufgeregt ist. Wenn man langsam ankommt und da bleiben möchte, in den Armen dieses Menschen.

Lange habe ich versucht bei den letzten Männern sie festzuhalten, weil ich nicht schon wieder abhauen wollte, aber desto länger ich wartete, desto schlimmer wurde es. Desto mehr betrog ich mich und desto mehr wurde ich sauer auf mich, dass ich schon wieder alles überstürzt hatte. Desto öfter die Frage nach der Zukunft kam mit Kinder kriegen und heiraten, desto mehr merkte ich, dass es nicht der Mann an meiner Seite von gerade sein wird und desto mehr hasste ich mich, dass ich damit wieder wem wehtat. Gründe suchte, mit denen ich leben konnte, warum es für die Zukunft nicht passte, obwohl die Gegenseite dann ebenfalls anfing mich zu hassen. Dass man das für sich und dem Gegenüber so nicht wollte, konnten die wenigsten nachvollziehen, weil sie die Hintergründe nicht verstanden, ich verstand sie zu den Zeitpunkten ja ebenfalls nicht. Aber das ist ok, aber nur dann, wenn man endlich aufwacht und nach Jahren, ja, manchmal dauert es Jahre, sich selbst und seine Fehler zu verstehen beginnt und es für die Zukunft anders angeht, vor allem, wenn da ein Kind mit im Spiel ist.

Deswegen wurde mein Tipp an mich : Lern den Menschen den du grad kennengelernt hast erstmal wirklich kennen. Nicht nur für dich, sondern auch für ihn. Das erste Jahr ist nichts, sagte meine Freundin ebenfalls und ich kann aus Erfahrung dasselbe sagen.

Lass die ersten Monate des Verliebtseins vergehen, warte das erste halbe Jahr hab, bis du das meiste von diesem Menschen kennengelernt hast und er auch von dir. Natürlich gibt es auch für danach nicht die Garantie, dass es klappt. Die wird es niemals geben und natürlich gibt es auch Paare, die heiraten nach paar Monaten und sind jahrelang glücklich miteinander! Es gibt in allen Bereichen Ausnahmen, die wird es immer geben. Aber es gibt eben auch die andere Seite, die ich eben zu digitalen Papier gebracht habe und vielleicht hat sie dem einen oder anderen ebenfalls die Augen geöffnet.

6 Comments

  • Reply Daniela 12. Juli 2019 at 0:02

    Wow !

  • Reply Maria 12. Juli 2019 at 0:29

    Vielen Dank für deine offenen und ehrlichen Worte!! Ich hoffe für dich, dass du eines Tages DEN einen kennenlernst und dich geborgen und geliebt fühlst, und natürlich selbst auch liebst, selbst nach Jahren!

  • Reply Jenny 12. Juli 2019 at 6:32

    Wow, beim Lesen habe ich gedacht du schreibst über mich. Eins zu eins meine Geschichte. Tut gut zu wissen dass man nicht allein ist.

  • Reply Sweta 12. Juli 2019 at 8:34

    Vielen Dank dafür, dass du deine Gedanken hier teilst!
    Bei mir ist es so ähnlich und ja, ich glaube auch, dass ich die Liebe liebe, aber eher diese aufregende Zeit am Anfang, noch nicht mal dieses verliebtsein. Denn allein das zu spüren fällt mir so schwer, genauso wie das “ich liebe dich” nach einigen Monaten schon anzunehmen geschweige denn auszusprechen.

  • Reply Louisa 12. Juli 2019 at 11:07

    Oh das kenne ich viel zu gut.. Erst eine Therapie hat mich zum Umdenken und Nachdenken gebracht.. Lerne erst einmal dich selbst wirklich zu lieben und wenn du das nach einiger Zeit kannst, dann fällt es dir irgendwann einfacher in einer Beziehung. Denn dann ist ein Partner noch das I-Tüpfelchen und nicht mehr das wichtigste Gefühl auf der Welt, denn du liebst dich dann selbst genug und brauchst dieses extreme Gefühl nicht mehr.. Erst dann kann man es wirklich langfristig genießen verliebt zu sein und zu lieben 😊

  • Reply Kristina 12. Juli 2019 at 17:00

    Sehr schöner Text! Mir ging es lange auch so.
    Kann ein Buch sehr weiterempfehlen:
    Wenn Frauen zu sehr lieben von Robin Norwood. Hat mir echt geholfen ein bisschen klarer bei der ganzen Sache zu sehen.

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