Verlustängste – Meine eigenen Erfahrungen

8. November 2019

Das Ding ist, ich habe tatsächlich keine Ahnung warum das bei dir, oder dir der Fall ist. Warum deine neue Flamme sich nicht binden möchte, was man wiederum als Bindungsangst bezeichnen könnte. So oder so, ist es einfach ziemlich …scheiße.

Gefühle, die man nicht einordnen kann, teilweise weiß man nicht mal WARUM man diese Ängste hat. Wer denkt da als erstes schon an seine Kindheit? Aber wenn man mal das Ganze etwas, ich sag mal, tiefer betrachten würde, dann fügen sich die Dinge irgendwie zusammen.

Ich kann euch jetzt erstmal von mir erzählen, denn meine Geschichte kenne ich. Seit nun mehr als 8 Jahren befinde ich mich in Therapie. Seit knapp 5 Jahren gehe zwei mal wöchentlich zu einer tiefenpsychologischen- psychoanalytischen Therapeutin. Man liest da schon stark heraus, dass es sich nicht um einen klassische Verhaltenstherapie von 25 Sitzungen handelt. Meine, ich sag mal, Probleme, entstanden nämlich, als ich noch ziemlich klein war. Und sie zogen sich durch meine komplette Kindheit, Jugend und ja, bis hin zum Erwachsenenleben. Diagnosen über Diagnosen. Erst vor wenigen Jahren habe ich durch sie verstanden, warum und weshalb ich so große Verlustängste verspüre, was dennoch nie dazu geführt hat, dass ich es auch in meinem Alltag begreife bzw., dass es mir überhaupt in den Situationen auffällt.

Warum ich das nicht schon vorher, bei den anderen Therapeuten die ich hatte begriff : Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich, weil ich ihnen nicht zugehört habe, da ich die meisten als ziemlich überheblich und nur aus ihren Lehrbüchern hab sprechen hören. Meine jetzige Therapeutin, ist da irgendwie anders.

Aber selbst, als ich alles verstand, warum es denn heute noch so ist, wie es eben ist, machte mir diese Erkrankung immer wieder einen fetten Strich durch die Rechnung. Ich hatte immer irgendwie Freunde, je älter ich wurde, desto inniger wurden diese Freundschaften. Ich verliebte mich auch irgendwann in einen Jungen, ok, mit meiner ersten Schwärmerei bin ich nie zusammen gekommen, aber später, das erste Mal mit 14, fing ich an, mit Jungs auszugehen. Ich war nicht unbeliebt und hatte tatsächlich immer einen Typen an meiner Seite. Das “Witzige”, geschlafen hab ich nie mit einem. Ich bin da eher ein sogenannter Spätzünder, was ich heute auch völlig ok finde.

Mein Problem aber damals schon, ich hielt es nie, wirklich nie mit einem länger als 2 Monate mit einem Jungen aus. Manchmal, da vermisste ich einen nach der Trennung, wollte ihn zurück und machte nach wenigen Wochen schon wieder Schluss. Wollte sich jemand je von mir trennen? Nein, denn die Zeit gab ich ihm gar nicht.

Zweimal in meinem Leben blieb ich ein halbes Jahr bei einem Mann. Und genau diese beiden wollten mich nie zu 100%. Ich wurde also nicht mit Liebe überschüttet und wollte nicht weglaufen. Ich suhlte mich lieber in dem Schmerz, um Anerkennung und Liebe zu kämpfen. Aber selbst diese beiden verließ ich eines Tages, weil ein Stück meiner Selbstachtung immer lauter an der Tür klopfte. Nur mit dem Vater meines Kindes später hielt ich es länger aus (mit allerdings ca 20 Trennungen), später schaffte ich es die Zeit mit dem nächsten festen Partner zu überbrücken, später stellte sich dann raus, dass er einfach ein Vollidiot war, den ich mir und meiner Tochter nicht mehr antun konnte. Beim nächsten lief ich einfach nur noch weg und mein Kopf spinnte sich was zusammen, dass nichts mehr an “Liebe” übrig war.

Dasselbe hatte ich mit Freundschaften. Nicht ganz so gravierend, aber weckte jemand etwas in meinem Unterbewusstsein, trennte ich mich auch da. Keine einzige Freundin die ich heute noch habe, hat das nicht schon mit mir durch. Zu 90% wirklich jede. Dass sie alle irgendwie wieder zurück gekommen sind, mir sagten, dass sie mich vermissen und all das nicht verstehen können.. mein Gott bin ich froh, dass ich da meist wieder eine Chance bekommen habe. Ich gebe in Freundschaften wirklich viel und das vom Herzen aus gerne, obwohl ich mir genau das immer gewünscht habe. Jedoch war ich da, viel viel jünger.

Jetzt kommt nämlich der wirklich spannende Teil.

Meine erste Trennung machte ich laut Therapeutin mit ca 2 Jahren durch, an die ich mich selbst jedoch nicht mehr erinnern kann. Meine erste richtige Erinnerung habe ich erst mit 5 Jahren. Als ich nämlich zwei war, trennten sich meine Eltern. Meine Mutter erkrankte später, niemand außer meine Oma kümmerte sich dabei noch um mich. Mit fünf Jahren weiß ich noch, war ich die meiste Zeit vor dem Fernseher, meine Mutter meist nicht ansprechbar, da sie viel schlief. Kurz danach entschied sie, dass es das beste für mich war, woanders zu leben. Ich verstand nicht viel zu dem Zeitpunkt, denn ich war..eben ein Kind.

Ich weiß, dass ich mich bitterlich nach der Liebe meiner Mutter sehnte, sie diese jedoch nicht stillen konnte. Ich verkümmerte als Kind, sprach mit kaum jemanden. Ich sah sie selten, verstand nie, warum ich wieder in diese andere Familie muss, die nicht sonderlich “nett” zu mir war. Nach über einem Jahr kam ich dann tatsächlich zurück, nur war da plötzlich ein neuer Mann, den meine Mutter später auch heiratete. Ich war allerdings nicht wie Mia, die offen und freudig z.B. meinen jetzigen Partner akzeptiert. Denn ich wollte ihn nicht da haben, hatte ich doch endlich meine Mutter wieder. Die Lage spitze sich nur leider zu, nachdem auch noch meine Schwester auf die Welt kam, ich die Pubertät kennenlernte und meine Mutter überhaupt nicht mehr weiter wusste. Also ab in die Klinik und dann in eine neue, alte Stadt. Drei Jahre lebte ich zuvor schon in Köln und sollte mit 13 Jahren zurück nach Hannover. Das erste Mal zu meinem Vater und wenn jemand überfordert war, dann er. Nicht, weil er so ein miserabler Vater war, nein nein, sondern weil ich anscheinend alle Nerven verloren hatte. Ich hatte mich dem Wahnsinn angeschlossen und rastete die nächsten Jahre nur noch aus und zu was führte es? Ich wurde hin und hergeschickt. Zu Oma, wieder Vater, Klinik, Vater, Klinik, Klinik, Heim, zurück zur Mutter, Klinik, Vater, Auffangstelle, zurück zu Papa, Straße, Auffangstelle, betreutes Wohnen, Klinik, Entzug, betreutes Wohnen, eigene Wohnung. Zwischendurch war ich noch bei etlichen Freunden untergebracht in verschiedenen Städten. Glaube das reicht für das objektive betrachten dieser damaligen Lage. Mehr vertiefen muss man es gar nicht, es geht um das Wesentliche und zwar, dass ich eigentlich nur Trennungen seit frühester Kindheit kannte und den Startschuss gab es für mich mit der wichtigsten Person eines Menschen bzw. Kindes : Meiner Mutter.

Das Unterbewusstsein speichert sich die Dinge, lässt sie schwer beheben oder dich überhaupt an sie ran! Sie machen dein Wesen aus und bestimmen in vielen Dingen dein Verhalten. Ohne, dass du was dafür kannst. Es klingt verrückt, aber haben uns diese Dinge, die uns als Kind passiert sind, nicht verrückt gemacht ? Wie viele Situationen haben wir als Kinder und Jugendliche nicht begreifen können, waren alleine mit diesen Gefühlen, weil wir nicht mal wussten oder nachvollziehen konnten WARUM diese Dinge geschehen. Warum wir bestimmten Gefühlen ausgesetzt sind. Sollten uns Erwachsene nicht eigentlich beschützen? Unsere Eltern uns über alles lieben, für uns da sein und sich um unser Wohl sorgen?

Wenn ein Kind (oder egal wie alt), was mir Gott sei Dank noch nie passiert ist, vergewaltigt wird, hat dieses meist noch sein ganzes Leben damit zu kämpfen. Kinder die geschlagen wurden, manche stecken es anscheinend super weg, aber in dem Moment muss doch was kaputt gehen in der Kinderseele. Warum schlägt jemand ein Kind, was viel, viel schwächer ist, was wiederum zeigt, dass der gewaltsame Erwachsene der Allerschwächste in dieser Geschichte ist. Wie kann die Hand, die dir Essen und Zuwendung gibt, nach dir schlagen, um dir Schmerzen zuzufügen?

In meiner Geschichte war es die Liebe die mir verwehrt wurde, aufgrund von Krankheit, Fehlentscheidungen und fremden Menschen, die mir nichts Gutes wollten. Obwohl ich ein Kind war. Gewalt und Misshandlungen kenne ich zwar auch, jedoch hatte ich diese meist auch für mich selbst übrig, in dem ich sehr schlecht über mich selbst dachte und mir oft nichts wert war.

Und was ist bis heute in den Beziehungen zu anderen Menschen der Fall? Mein Unterbewusstsein hat es anscheinend noch nicht ganz verarbeitet und kommt immer wieder an die Oberfläche, um versteckt(!) meine Gedanken so zu lenken, dass ich ganz schlecht über meinen Gegenüber denke. Dass er jetzt, weil er grad mal mit seinem eigenen Kram beschäftig ist oder sich nicht meldet, direkt auf mich sauer ist und bevor er gehen kann, verschwinde ich lieber aus seinem Leben. Manchmal denke ich mir auch Sachen so aus dem Nichts aus um wieder abzuhauen, weil ich genau das gewöhnt bin : Irgendwann muss doch schließlich die Trennung kommen. Also verlasse ich den Menschen, bevor er das mit mir machen kann. Oder auch wenn speziell ein Mann mir zu viel Liebe gibt, konnte und kann ich bis heute nicht damit umgehen, da mein Unterbewusstsein sowas nicht gewöhnt ist und das als falsch einstuft. Also egal in welcher Beziehung ich mich aufhielt, die tiefen Ängste wieder verlassen zu werden, steuerten Kopf und Herz. Als ich dann vor paar Monaten wieder falsch gehandelt hatte, wurde ich richtig fertig gemacht. Ich hab mich unheimlich geschämt und begriff immer mehr, dass es mein Kopf ist, der mir Gründe vorgaukelt, wo gar keine sind. Ich bin eigentlich ein ziemlich klar denkender Mensch, kann mich sehr gut in andere hinein fühlen, aber hier versage ich auf voller Linie. Bin ich emotional mit einem anderen Menschen verknüpft, kann es gefährlich werden. Plötzlich kommt der Zeitpunkt, wo es mit mir durchgeht. Komplett unbewusst, es ist einfach da und für den Gegenüber nur sehr selten nachvollziehbar. Ich will damit nicht sagen, ich wurde noch nie verlassen! Klar, wurde ich auch schon und ich kam irgendwie damit klar, auch wenn es immer sehr hart war, aber dann andere bestehende Beziehungen zu sabotieren, ist auch nicht richtig.

Diese Menschen sind doch da, bei dir. Sie halten dich in ihren Armen, was passiert, wenn sie gehen? Dann gehen sie eben. Du bist auch schon mal gegangen und derjenige lebt wahrscheinlich auch immer noch. Man darf Liebe zulassen, man darf sich auch mal streiten, wo danach nicht alles vorbei sein muss. Mit seinem inneren Kind Frieden schließen, ja, ich habe die Bücher dazu gelesen. Das was dir als Kind passiert ist, welche Gefühle dir die Erwachsenen gegeben haben, sind heute kontrollierbarer als damals. Heute kannst du dich meist wehren, du bist endlich selbst erwachsen und darfst für dich selbst entscheiden und einstehen. Kannst Gefühlen Namen geben und darüber reden. Keiner entscheidet mehr, im besten Falle, wie dein Tag auszusehen hat.

Nicht jeder kommt, um zu gehen. Manche wollen wirklich bleiben und lieben dich, so wie du halt bist. Und wenn mal einer geht, also wirklich von sich, dann ist er eben nicht der Mensch, der für dein Leben vorgesehen war. Er hat dir vielleicht nur etwas beibringen wollen, am besten über dich selbst , war eine Lektion. Aber immer und das zu 99%, hat er dich was gelehrt. Vor allem über dich selbst und die Menschen auf dieser Welt.

Schmerz vergeht, was wir Kindern antun oder uns damals selbst angetan wurde, ist eine Hausnummer, da sollte man sich im klaren sein, denn es verfliegt nicht während der Pubertät, es tritt eher erst so richtig an die Oberfläche und zieht mit in`s Erwachsenenhaus. Wird diese Problematik nicht erkannt oder behoben, legt man sich unbewusst die Steine in den Weg, macht sich immer und immer wieder sein eigenes Glück kaputt. Vielleicht weckt es den einen oder anderen auf, sich mal genauer mit seiner Kindheit zu beschäftigen und sich Hilfe zu holen.

Für sich und sein Leben mit den ganzen Nebendarstellern, vielleicht das Beste, was man machen könnte.

 

 

 

9 Comments

  • Reply Cathy 8. November 2019 at 14:35

    Danke für diesen total mutigen, intimen und ehrlichen Beitrag!

    • Reply Jill 13. Dezember 2019 at 10:08

  • Reply Lia 8. November 2019 at 15:48

    Liebe Jill, du bist so ein herzensguter Mensch!
    Wenn ich dir jetzt schreibe, dass du das, was du durchgemacht hast, die Trennungen und auch die ganzen damit verbundenen unangenehmen Gefühle und Schmerzen, Liebesentzug und all das, nicht verdient hast, sondern besseres, dass es nicht deine Schuld war, das vieleicht niemand dran ‘Schuld’ hat, dann bringt es wahrscheinlich wenig, da du das, hoffentlich, schon begriffen hast! Und auch, dass dir das leider niemand nehmen kann.. 😔 Aber ich bin mir auch sicher, dass du auf dem richtigen Weg bist konstruktiv damit umzugehen UND VORALLEM die unschönen Erfahrung in positive Lebensweisheiten zu wandeln und zu nutzen!

    Mir fällt gerade noch so viel dazu ein, aber ich möchte den Kommentar auch nicht explodieren lassen 😅
    Danke für den Text und vorallem Deine Offenheit!!! ❤
    Ich denk an Dich 😘

    • Reply Jill 13. Dezember 2019 at 10:08

      ich danke dir für deine Worte ❤ drück dich zurück !

  • Reply Julia 8. November 2019 at 17:43

    Was für ein wundervoller und ehrlicher Beitrag❤️

    • Reply Jill 13. Dezember 2019 at 10:08

  • Reply Malina 17. November 2019 at 12:07

    Sehr aufrichtig, mutig und ehrlich ! Hut ab, das in der Form zu veröffentlichen.

    • Reply Jill 13. Dezember 2019 at 10:09

      solange es wem hilft ❤

  • Reply fluffylista 9. Januar 2020 at 15:11

    Wirklich ein toller und sehr ehrlicher Beitrag.

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