Geburtsbericht

27. Mai 2021

Zuerst möchte ich betonen, dass ich niemanden demotivieren will, wenn es um das Gefühl geht : „Heute! Heute geht es los!“, denn dieses Gefühl hatte ich bereits in der 38. Schwangerschaftswoche. Gekommen ist mein Baby….in der 42. Aber belassen wir es dabei, andere schätzen ihr „Heute geht es los!“ definitiv besser ein als ich, ich wollte lediglich mit diesem Anfang betonen, dass ich zum Ende dieser Schwangerschaft so GAR KEINEN Bock mehr hatte…

Ich war einer dieser Schwangeren, die nicht den ganzen Tag rumjammerte, aber es doch irgendwie tat. Man sollte es auch keiner Hochschwangeren übel nehmen, es hat nichts mit Undankbarkeit zutun, es ist zum Ende mit teilweise 1,20 m Bauchumfang (so war es bei mir), einfach nur noch maximal anstrengend und beschwerlich, als Pottwal durch die Gegend zu laufen. Doch dann, dann sollte es soweit sein. Morgens noch bei meiner Frauenärztin gewesen, eine Eipollösung bekommen und die ständige Angst, am Ende doch noch eingeleitet zu werden. Aber diese Eipollösung brachte tatsächlich mehr, als ich anfangs gedacht habe.

Am 12.4. abends dann, schauten Thilo und ich noch eine Serie, er schlief gegen 23 Uhr ein und ich blieb, mal wieder, wach. (Entweder schlief ich nicht ein, oder wachte irgendwann nachts auf, um auch dann wieder nicht einschlafen zu können.)

Ich daddelte in unserem Bett auf meinem Handy meine Spiele durch. Bisschen Umstyling, bisschen Burger braten und dann wieder Mais anpflanzen ..ja, wir sind immer noch bei den Handyspielen. Plötzlich spürte ich ein ganz zaghaftes Ziehen, als wäre es ganz weit weg von mir. Dachte mir auch erstmal nur halbwegs was dabei, horchte jedoch in mich hinein mit der Hoffnung, es würde sich wiederholen. Und das tat es. Ich schrieb mir die Uhrzeit des vorherigen Ziehens in meine Handynotizen, genauso, wie damals bei Mia. Und das Ziehen, was gerade kam, notierte ich selbstverständlich auch. Und dann kam es wieder und wieder und damit auch der Moment, wo ich wusste : Ab in die warme Wanne mit dir. Ein Tipp, den ich vor 8,5 Jahren schon mal bekommen hatte und der mir die Sicherheit geben sollte, dass meine Tochter in den nächsten Stunden die Welt begrüßen wird. Genau diesen Tipp, wollte ich definitiv auch bei meinem Sohn umsetzen.

Ich ging also langsam ins Bad, ließ Wasser in die Wanne ein und setzte mich aufgeregt an den Rand. Es war mittlerweile kurz vor zwei Uhr nachts und ich war hellwach. Das Wasser floß immer mehr in die Wanne, jedoch war das Wasser nicht so warm wie üblich und da dämmerte es mir, was Thilo mir vor kurzem noch erzählt hatte : Nachts wird das Warmwasser bei uns im Haus abgestellt.. aber das, was da jetzt noch rauskam, war glücklicherweise noch recht angenehm und so glitt mein riesen Bauch, um diese unglaubliche Uhrzeit, in unsere Wanne. Das Handy in der Hand, die Notizenapp geöffnet und bereit, für das nächste Ziehen und notieren der Zeit. Und es kam und kam…nur leider wurde auch langsam das Wasser kalt, rauskommen, wollte ich allerdings auch noch nicht. Shit, Thilo..ich muss Thilo rufen, so oder so, ich kann mich nicht irren : Unser Sohn möchte uns kennenlernen, daran gab es keinen Zweifel, denn statt dass das Ziehen weniger wurde, wurde es mehr und vor allem eins : Es wurde immer schmerzhafter. DAS war das eindeutige Zeichen, auf dass ich gehofft hatte.

Thilo anrufen! Der hat sein Handy nachts nie auf Flugmodus, so wie ich und tadaaa, er nahm ab und eilte ins Bad. „Thilo, ich brauch warmes Wasser. Ich mag noch nicht raus, aber eins kann ich dir sagen : Du wirst heute noch Papa!“ Und er sprintete los in die Küche, um paar Minuten später mit dem Wasserkocher und dem heiß ersehnten, ebenso heißem Wasser, aufzukreuzen. Dieses Spiel wiederholten wir noch 3-4x, um uns dann grinsend anzugucken. Er setzte sich auf den (geschlossenen :D) Toilettendeckel und ich zeigte ihm meine Notizenapp mit den Zeiten. „Das ist regelmäßig, oh ja.“ „Genau und wie du langsam siehst, werden die Abstände immer kürzer. Ich komm jetzt raus, dann schauen wir mal, ob wir doch lieber bald ins Krankenhaus fahren sollten. Die Schmerzen werden immer heftiger.“

Ich kam also raus aus der Wanne, wollte mich im Schlafzimmer gerade anziehen, da kam DIE Wehe und ich wusste : Let´s gooooo! Krankenhaus we are coming. Schnell rief Thilo seine Mutter an, wegen Mia. Zusätzlich noch schnell seinen Bruder, der uns ins Krankenhaus fahren wollte..apropos Mia! Nachdem ich mich angezogen hatte, musste ich definitiv noch zu meinem Lieblingsmädchen, also weckte ich sie ganz zaghaft und als sie langsam wach wurde, haute ich die Neuigkeit sofort raus! Viel Zeit hatte ich nämlich nicht bis der Bruder da war. Mias Reaktion : Ein RIESEN Lächeln, eine dolle Umarmung und ein „ICH BIN SO AUFGEREGT“ später, klingelte es an der Tür.

Wir sitzen mittlerweile im Auto, ich ganz hinten und absolut unzufrieden, dass ich mich nicht nach hinten lehnen konnte. Die Wehen kamen alle 4 Minuten, Musik wollte ich keine hören, hatte zwischen den Wehenpausen jedoch gute Laune. Nach 20 Minuten kamen wir an im Kölner Krankenhaus und ich war so so so glücklich, dass wir dort waren. „Guten Abend, können Sie noch die beigefügten Blätter….oooh, nein, können Sie nicht, ok“…hörten wir nur noch den Mann an der Rezeption vor sich hin murmeln, denn prompt betraten wir das Krankenhaus, kam die nächste Wehe.

Wir gingen zum Fahrstuhl, fuhren die wenigen Etagen hoch, um zum Kreißsaal zu gelangen. Es kam eine freundliche Hebamme, nahm mich auf und schickte uns als erstes in den Ctg-Raum. Und da saßen wir erstmal, mit Blick auf den Dom, ein Lichtermeer über Köln..es hätte nicht schöner sein können, bis ich mich wieder daran erinnerte, dass in den nächsten Stunden unser Sohn geboren werden möchte und dieser Moment, nicht ohne Schmerzen verlaufen wird. Corona Test, Anschluss an das Ctg Gerät und 30 Min später, gingen wir in den Kreißsaal. In den allerschönsten Kreißsaal, den ich je gesehen hatte und tatsächlich war es sogar der, den ich mir vorher auf der Internetseite ansah und vom dem ich Thilo schon vorgeschwärmt hatte. Ich musste lächeln.

Man ließ mir die Wanne ein, die an der Seite des Raumes stand und brachte mir nochmal bei, wie ich am besten die Wehen veratmete. Dafür bin ich der Hebamme bis heute dankbar und werde es auch immer sein, denn die Schmerzen bei den Wehen, waren plötzlich VIEL besser zu ertragen.

Ich stieg in die Wanne, sie war angenehm warm und verweilte dort 1,5 Stunden. Thilo saß neben mir auf einem Stuhl, fütterte mich mit Dinkelstangen und gab mir immer wieder Wasser zu trinken. Wir redeten und waren zwischendurch ganz leise. Ich stellte mir vor, dass ich tatsächlich in den nächsten Stunden diesen kleinen Schatz in meinem Bauch, AUF meinem Bauch haben darf und wurde etwas sentimental. Endlich, mein Gott, endlich…

Nach diesen 1,5 Stunden wollte ich langsam raus, die Hebamme wurde gerufen und ich stieg aus der Wanne, denn die Wehen wurden immer heftiger und unangenehmer, da konnte ich so perfekt atmen wie ich wollte, der Zeitpunkt war gekommen, an dem es schwierig wurde.

Kaum stieg ich aus, musste ich mich an der Sprossenwand festhalten, denn die Wehen die nun kamen, waren der Moment, wo ich nach einer PDA verlangte. „Der Muttermund ist bei 3 cm, geht also klar, ich sage Bescheid, die Ärzte kommen sofort.“

Und die kamen wirklich schnell! Zack, wurde alles freigelegt, kurz bevor der Arzt die PDA legen wollte, klingelte jedoch Thilos Handywecker..diesen Moment werde ich nie vergessen! Unangenehm, vorallem für ihn. Nachdem mir dann um kurz vor 7 Uhr morgens die PDA gelegt wurde, war ich so unglaublich dankbar dafür. Ich entspannte mich, meine Beine kribbelten angenehm und mir wurde die neue Hebamme für die Schicht vorgestellt. Sie betrat den Raum, stellte sich uns vor und ich war verliebt. Meine Güte, sie war der Engel schlechthin…etwas jünger, wahrscheinlich auch jünger als ich, unglaublich liebevoll, witzig und emphatisch. Ich hätte mich dank ihr nicht wohler fühlen können und so vergingen die nächsten Stunden, wie im Flug. Mein Muttermund öffnete sich langsam immer mehr, die Wehen spürte ich kaum noch und die starken Schmerzen, hatten sich verabschiedet. Thilo checkte zwischendurch immer mal wieder seine Fußballergebnisse und wir redeten gefühlt nur Blödsinn miteinander. Irgendwann wurde mir noch Frühstück serviert und danach, schlief ich einfach ein. Also das war alles wirklich unglaublich angenehm, doch dabei sollte es nicht bleiben.

Die Hebamme kam irgendwann rein, schaute nach dem Muttermund und sagte : „Ich müsste einmal einen Wehentropf anlegen. Die Wehen kommen zwar, allerdings sind diese sehr schwach und der kleine Mann möchte wahrscheinlich bald raus.“ Ok, dann leg mir mal nen Wehentropf an, keine Ahnung wie es sein wird, aber ich bin bereit.

Der Wehentropf tat seine Arbeit, die Wehen wurden stärker und intensiver und verdammte Axt, ich spürte sie wieder mehr und mehr. Zähne zusammenbeißen, dachte ich mir. Bei der Mia damals, bekam ich nämlich keinen Wehentropf, sie kam mit noch wirkender PDA auf die Welt, aber so, sollte es diesmal anscheinend nicht sein.

Meine Fruchtblase platzte dann auch irgendwann und mal wieder, war das Fruchtwasser grün, genauso, wie bei Mia damals. Eine Ärztin wurde dazu gerufen, die dann auch erstmal mit im Kreißsaal blieb. (Vorneweg : Beide Kinder hatten sich eingekotet, es allerdings glücklicherweise nicht(!) eingeatmet, was gefährlich sein kann)

„Spüren Sie ihre Beine? Sie müssen sie etwas hin und herbewegen, denn bald scheint es soweit zu sein.“ sagte die Hebamme und lächelte. Ich lächelte auch, auch wenn eher etwas gequält. „und am besten drehen Sie sich um in den 4-Füßlerstand, winkeln ihr Knie immer wieder an, ziehen sie sich gerne hier hoch.“ Sie baute über dem Bett, in dem ich lag, eine Art Brücke auf, an der ich mich festhalten sollte. „der Kleine ist etwas groß, wir können ihm allerdings helfen und mit ihm arbeiten. Den Rest regelt die Schwerkraft und die Wehen. Sie werden das hervorragend machen! Da bin ich mir sicher.“ Gott, ich liebte sie. Egal was sie sagte, sie sagte das Richtige und tat vor allem das Richtige. Das einzige Problem war : Meine Beine waren sowas von taub und mein Sohn wollte sowas von raus aus mir! Ich hielt mich mit meinen Händen und Armen an dieser Brücke fest, meine Knie zitterten unter mir wie Espenlaub, meine Beine sackten immer wieder weg und die Wehen die kamen, wurden zu Presswehen. Es ging also los, obwohl meine Beine noch nicht bereit waren, aber das wars, wir hatten keine Zeit mehr. Mein Baby wollte geboren werden. Ich zitterte, presste und brüllte in meine Armbeuge rein. Mir wurde so unglaublich warm, dass ich letzendlich mein Shirt ausziehen musste, weil ich wirklich schwitze, als würde ich die 10. Runde bei 35 Grad um ein Haus sprinten. Zwischendurch musste Thilo mir immer wieder die Flasche Wasser an den Mund halten, wobei ich gierig das Wasser schluckte. Die Presswehen waren der Kraftakt schlechthin, dass ich zwischendurch wirklich dachte, ich pack es nicht. Die Hebamme machte mir allerdings unglaublich viel Mut, spornte mich an und als es hieß „noch einmal, dann kommt das Köpfchen!“, gab ich quasi alles, bis ich etwas hörte… Mein Baby! Wie jetzt ?! Ich hörte nur noch wie die Hebamme ein Lachen nicht unterdrücken konnte. Ich war komplett verwirrt! „Sein Köpfchen ist draußen und er meckert!“ Tatsächlich. Ne Sekunde nur mit seinem Kopf auf der Welt und er meckerte drauflos. Ich fing ebenfalls an zu lachen, Thilo fing an zu lachen und unser Sohn meckerte vor sich hin. „So, jetzt noch eine Wehe und kräftig pressen und wir haben es geschafft!“ Aber die Wehe kam nicht… „würden Sie bitte einmal auf den Bauch leicht drücken, damit die Wehe angeregt wird“, hörte ich die Hebamme zur Ärztin sagen. Die Ärztin kam zu mir und kurz bevor sie meinen Bauch berührte, kam sie..DIE Wehe und DAS Pressen, die meinen Sohn komplett auf diese Welt beförderte..und was passierte mit mir? Mein Kreislauf brach zusammen, mir wurde komplett schwarz vor Augen. Ich weiß noch, wie ich beim auf die Seite kippen im Augenwinkel sah, dass man mir meinen kleinen Schatz geben wollte, ich allerdings nicht in der Lage war, ihn entgegen zu nehmen und erstmal erschöpft liegen bleiben musste. Mit geschlossenen Augen. Ich war einfach viel zu kaputt von diesem unglaublichen Kraftakt und musste kurz klar kommen. Nach etwas 10 Sekunden riss ich meine Augen auf, drehte mich um und nahm ihn entgegen. Unseren Leo. Nach 10 Stunden. Und fing an zu heulen..oh Gott, ich heulte und starrte ihn voller Liebe an. Küsste seinen blutverschmierten Kopf, neben uns Thilo, der glücklicher nicht hätte aussehen können. Da war er endlich und er war perfekt…perfekter, hätte er nicht sein können…

 

Auch wenn man es vielleicht nicht glauben mag : Es war eine unglaublich schöne Geburt. Sie hat mir gezeigt, wie stark ich sein kann, selbst wenn ich dachte, ich schaffe es nicht. Sie hat mich geheilt, was die letzte Geburt anging. Sie nahm mir die Angst, auch wenn das Ende sehr erschwerlich war. Ich hatte es geschafft, mit aller Kraft und wurde mit dem wundervollsten Sohn beschenkt. Eine Geburt, ob natürlich oder per Kaiserschnitt, ist emotional einfach der Wahnsinn! Aber am Ende, das sagen die meisten : Hat sich einfach ALLES gelohnt. 💓

 

 

 

 

 

6 Comments

  • Reply Cocos 27. Mai 2021 at 16:00

    Wow, du hast das großartig gemacht. Genauso war es bei mir auch, die Geburt meines zweiten Sohnes, hat mich geheilt bzgl. der ersten Geburt. Ich kann das voll nachvollziehen.

  • Reply Anja R. 27. Mai 2021 at 16:47

    Wundervoll ♥️ Danke, dass du das mit uns teilst!

  • Reply Kimkyliesa 27. Mai 2021 at 16:48

    Wunderschön geschrieben Gilda und tolle Geburt. Hat mich sehr an die Geburt von unserem Sohn erinnert. Bei den Zweiten ist es einfach irgendwie anders. Fühlt euch von Herzen gedrückt! Du Powerfrau ❤️

  • Reply Uschi 27. Mai 2021 at 20:29

    ❤️🥰

  • Reply Jasmin 27. Mai 2021 at 20:54

    Oh gott, ich weine😭. So toll geschrieben, so emotional❤️ nur das beste für euch 4❤️

  • Reply Steffi 28. Mai 2021 at 1:20

    So ein wundervoller Geburtsbericht. 😍

  • Leave a Reply